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Wir basteln uns eine
"Woche"-Kolumne
oder: Wie man wie Dr. Phil. Willemsen schreibt
Gastbeitrag von Nils Göbel

Die "Woche" ist eingestellt. Lang lebe die "Woche" - und Ihr Ausnahmekolumnist Roger Willemsen. @zend! erklärt, wie treue Willemsen-Leser künftig dennoch nicht auf Ihre wöchentliche Ration Besserwisserei verzichten müssen.

Ein Schicksal teilen Roger Willemsen und sein großer Aphorismenlieferant, Robert Musil: Als der österreichische Schriftsteller und Dr. phil. 1942 im Schweizer Exil starb, war das kaum eine Nachricht. Als der Schreiberling (und ebenfalls Dr. phil.) seinen Rücktritt aus dem Fernsehen bekannt gab, nahm niemand Notiz davon. Stirnrunzelnd fragte man sich, was er denn überhaupt in letzter Zeit so in diesem Medium präsentiert hat.

Nunmehr tut sich der in besseren Tagen noch als literaturwissenschaftlicher Dozent Tätige lediglich als Herausgeber, Essayist und Vorleser seiner "DeutschlandReise" hervor. Und bis vor kurzem noch mit seiner unsäglichen Kolumnenschreiberei in der "Woche" (erschien wöchentlich), bei deren Lektüre dem Autor sämtliche Lymphflüssigkeiten gefrieren: Willemsen kommentierte die Welt. Direkt unter seinen Artikeln erklärten Acht- bis Zwölfjährige die Welt; das Niveau veränderte sich nicht. Man hatte die infantilen, lustigen Gedankenblitze, die vergebens nach intellektuellem Weitblick heischten, stets auf einen Blick.

Haarsträubend war vor allem die Phrasendrescherei des nörgelnden Besserwissers - nebst eingestreuten Zitaten mit Quellenangabe, mythologischen Verweisen, maßvollem Fremdwörtergebrauch (wo es eine allgemein verständliche Vokabel auch getan hätte) und politischen Plattitüden. Aber das können wir auch. "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" (Sprichwort), mögen wir da zunächst ausrufen; oder auch: "Wäre er doch nur 'Bestimmt, Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht'! (Goethe)".

Schauen wir mal, wie viele Synonyme uns für Willemsen einfallen. Niemand, der etwas auf sich hält, wiederholt den Namen Goethes, des Weimarers, Dichterfürsten, Vielweiberers. Warum erdreistete sich ein Geisteswissenschaftler, solchermaßen über alles, was sich Bemerkens-, Staunens- und Fragenswertes in der Welt ereignet hat, herzuziehen? Leider musste der Philologe in der "Woche" auf seine üblichen verschachtelten Sätze verzichten. Dafür reichte der Platz und die für Kolumnen übliche Diktion nicht aus. Mit Sicherheit besitzt er ein wunderbares Zitatenwörterbuch, damit er alle relevanten Aphorismen per Stichwort auf einen Blick haben konnte.

Doch schon allein die Lektüre des "Jahrhundertromans" (Ranicki) "Der Mann ohne Eigenschaften", die er im Zuge seiner Dissertation "Das Existenzrecht der Dichtung" von 1984 absolviert hat, reicht aus, um einen üppigen Fundus an Weisheiten für die Niederschrift eines "Woche"-tauglichen Querulantenbeitrags parat zu haben. Was sag ich, vierzig Seiten allein sind mehr als genug! Und der Leser kann sich freuen, denn er hat erst ein Fünfundzwanzigstel des umfassenden Werks hinter sich.

"Ein mögliches Erlebnis oder eine mögliche Wahrheit sind nicht gleich wirklichem Erlebnis und wirklicher Wahrheit weniger dem Werte des Wirklichseins, sondern sie haben [...] etwas sehr Göttliches in sich [...]", heißt es beispielsweise bei Musil. Ein wunderbarer Satz, dessen Gehalt auch im Auszug besticht. Man muss ihn mindestens zweimal lesen, da der Gedanke zuerst paradox erscheinen mag. Für unseren Publizisten genau richtig. Fehlt nur noch der aktuelle Zusammenhang. Willemsen würde seine Kolumne nun möglicherweise so beginnen: 'Robert Musil sagte: Zitat. Etwas sehr Göttliches wäre durchaus erreicht, wenn es Gerhard Schröder gelingen würde, seine versprochene Arbeitslosenquote zum Ende der Legislaturperiode zu erreichen.' Wie bissig! "Das isses" (Willemsen).

Willemsen schnappte Wortfetzen der Politiker auf, um sie zu zerreißen. Die "Achse des Bösen" und die "uneingeschränkte Solidarität" etwa, oder die Behauptung, nach dem 11. September sei nichts mehr so, wie es einmal war. Der 11. September und seine Folgen waren sowieso eines seiner Lieblingsthemen. Wie es an Verrissen nur so wimmelte, mangelte es an Produktivität, ebenso wie in seinem den Untergang der Weltpolitik beschwörenden Buch "Kopf oder Adler".

Bisweilen lasen sich Teile seiner "Letzten Worte" wie eine kafkaeske Parabel: "Ich hab die Al-Qaida schon gekannt, als sie noch ganz klein war, kaum größer als eine Leibwache[...]". Wer denkt da nicht an einen "Vor dem Gesetz" stehenden Türhüter? "Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen?" (Kafka). Lieber Herr Willemsen, bitte wenden sie sich nun wieder den Literaturwissenschaften zu, auf dessen Gebiet ich ihre Kenntnis gebührend respektiere. Schließlich sind sie nicht Karl Kraus!

Es bleibt uns nur zu wünschen übrig, dass der Fernsehmoderator und Kolumnist a. D., um von dem fünften Synonym Gebrauch zu machen, seine kleinen Textchen ebenso gewissenhaft wie sein österreichisches Vorbild Robert Musil redigiert. Manche Kapitel des tausendseitigen Romans wurden bis zu zwanzigmal korrigiert. Um mit den Worten Deutschlands berühmtesten Italienreisenden zu schließen: "Denn alles was entsteht/ Ist wert daß es zu Grunde geht;/ Drum besser wär's wenn nichts entstünde", wenigstens nicht aus der Feder von Herrn Dr. Phil. Willemsen.

 

 


Alles Roger? Haha.



   
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