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Juchhe, wir sind
im Krieg! Es scheint, als hätte uns in den letzten Jahren etwas gefehlt. Lustlos trieb die Republik von der Kohl- zur Scharpingaffäre, zeigte hier und da etwas Empörung angesichts verlorener Spiele der Fußballnationalmannschaft, Busfahrerstreiks auf Mallorca oder BSE-bedingt eingeschränkter Speisekarten und schämte sich auch mal in einem Sommerloch kollektiv und anständig für ihre rechtsradikalen Schläger. Aber jetzt, nach dem 11. September, ist angeblich alles anders als vorher. Dass dem nicht so ist, sieht man schon daran, dass die USA wie eh und je im Namen amerikanischer Glückseligkeit völkerrechtswidrig ein Land zusammenbomben und dabei wieder Waffensysteme zerstören wollen, die sie den dortigen Machthabern selbst zur Verfügung gestellt haben. Neu dagegen ist allerdings, dass davor Tausende von Menschen ums Leben kamen, die nicht etwa wie eine halbe Million irakischer Kinder aufgrund des US-Embargos verhungern mussten oder in Chile von einem durch die USA an die Macht gebrachten Terrorregime gefoltert und ermodert wurden, sondern im Symbol des Bilderbuchkapitalismus den Tod fanden. Neu ist aber auch, dass eine deutsche Regierung kein Blatt mehr vor dem Mund nimmt, wenn es darum geht, allen zu erklären, dass man gerne mit Krieg spielen will. Und die deutsche Bevölkerung ist endlich mal wieder so richtig betroffen. Würde in den USA Disneyland auch nur für einen Tag geschlossen, wenn Terroristen ein Flugzeug über dem Reichstag abstürzen ließen? Hierzulande erwägte man, das Oktoberfest abzusagen, zahlreiche Veranstaltungen fielen der kollektiven Trauer der anständigen deutschen Bevölkerung zum Opfer. Und die Regierung beeilte sich, dem Bündnis des Guten gegen das Böse in der Welt "uneingeschränkte Solidarität" zuzusichern. Früher mochte man bei diesem Stichwort an umfassende Hilfe für Arme, Kranke, kurz: Bedürftige denken. Jetzt steht dieser Ausdruck anscheinend vorrangig für das Angebot, der stärksten Militärmacht der Welt ein paar Bundeswehrsoldaten oder Fuchs-Spürpanzer aufzudrängen. Man will diesmal nicht nur wie im Golfkrieg den Alliierten das Benzin zahlen, nein an vorderster Front sollen sich deutsche Soldaten uneingeschränkt solidarisch zeigen, indem sie den USA helfen, ein seit Jahrzehnten in Schutt und Asche liegendes Land weiter zu verwüsten, UN-Mitarbeiter zu töten oder Hilfspakete in minenverseuchtem Gebieten abzuwerfen. Endlich sind mal wieder starke deutsche Emotionen über Unrecht in der Welt zu sehen. Man berauscht sich an Kriegsszenarien, und die ARD sendet eifrig "Brennpunkt" um "Brennpunkt" nach der "Tagessschau". Laut Peter Struck sind wir in diesen Tagen "alle Amerikaner". Wie auch immer er das gemeint hat: Das macht wirklich betroffen.
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