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Frau M.'s
Heer Frau M. wagte sich nicht mehr aus dem Haus und rief schließlich verzweifelt bei der Stadt an. Dort sagte man ihr, dass das nur die Bundeswehr sei. Auf Frau M.'s Verwunderung, wie man auf einer Wiese, die an drei Seiten an ein Wohngebiet und auf der vierten an ein Vogelschutzgebiet grenzt, den ganzen Tag mit Panzern umherfahren und mit Hubschraubern landen könne, wusste die freundliche Dame von der Stadt auch keine Antwort. Wahrscheinlich musste die Wiese einfach wieder mal gepflügt werden. Am dritten Tag fand Frau M. einen Zettel in ihrem Briefkasten. "Liebe Anwohner! In dieser Woche findet in Ihrer unmittelbaren Nähe die Ausstellung UNSER HEER statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird auch Großgerät in Bewegung vorgeführt. Daher kann es zu Lärmbelästigungen kommen. Wir möchten Sie um Verständnis bitten und laden Sie herzlich zu einem Besuch der Ausstellung ein. Bei Vorlage dieses Zettels erhalten Sie eine Portion Erbsensuppe gratis. Wir freuen uns auf Ihren Besuch! Horst Ramspoth, Oberstleutnant und Ausstellungsleiter." Zu schade, dass Frau M. auf Hülsenfrüchte allergisch war. Trotzdem packte sie schließlich die Neugierde und sie entschloss sich, Herrn Ramspoths freundlicher Einladung zu folgen und nachzusehen, was "ihr Heer" sein sollte. Also stattete sie der besagten Wiese einen Besuch ab. Einen Hörsturz hatte sie inzwischen sowieso schon bekommen. In der Ausstellung konnte sich die interessierte Frau M. dann von eifrigen Sanitätssoldaten den Blutdruck messen lassen, sich gründlich über Aufklärraketen und spannende Karrieremöglichkeiten (jetzt auch für Frauen!) beim Heer informieren und zusammen mit Hunderten von Kindern, die mit ihren Eltern oder Großeltern die Ausstellung besuchten, über Amphibienfahrzeuge, Panzer und anderes Großgerät mit schönen Namen wie Luchs, Wiesel oder Leopard besichtigen. Ganz so begeistert wie die vielen Kinder war Frau M. allerdings nicht. Die Panzer verbreiteten bei den Vorführungen grauenvollen Schwefelgestank und wirbelten dichte Staubwolken auf, die bei den Umstehenden schwere Hustenanfälle auslösten. Frau M. war auch irgendwie voreingenommen: Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf gehen, weshalb ein Heer, das eigentlich nur humanitäre Aufgaben wahrnahm, Panzer haben sollte, die ausgewiesenermaßen zum Einsatz gegen Infanterie gedacht waren. Und was bitteschön, waren "halbharte Ziele"? Vielleicht wäre Frau M. weniger kritisch gewesen, wenn man auch ihr auf dem Mündungsrohr des Panzers Leopard II ein Glas Sekt serviert hätte, so wie es der Bürgermeister und der Dekan der Stadt bekommen hatten? Vielleicht fand Frau M. es auch einfach ungerecht, dass nur Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren am großen Bundeswehrpreisausschreiben 2001 teilnehmen durften? Wahrscheinlich war es das, wahrscheinlich fühlte sich Frau M. einfach benachteiligt, weil sie nicht auch tolle Preise wie 5 Tage Skilaufen bei den Gebirgsjägern, 5 Tage Panzerfahrt bei der Kampftruppe, 5 Tage Luftwaffe zum Anfassen, 5 Tage beim Heer bei der Artillerie oder 5 Tage Mitfahrt auf einem Minensuchboot gewinnen konnte. Bestimmt war das die Erklärung, weshalb Frau M. auch nach dem Besuch der Ausstellung immer noch nicht so überzeugt von "ihrem Heer" war wie all die Kinder und Jugendlichen, die dort gewesen waren.
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Autorin Caroline Mißbach findet nur noch ungerne Zettel in ihrem Briefkasten, auf denen sie von Oberstleutnants zum Erbsensuppenessen eingeladen wird.
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