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Mama hat Vorfahrt
Sie haben Räder wie Geländewagen, ein ausklappbares Verdeck und bieten angenehmen Sitz- und Liegekomfort sowie reichlich Stauraum. Es gibt sie in den schillerndsten Farben: mal neongelb, mal traditionell-marineblau. Sie heißen: Buggys, Panzer, Blagenbusse oder schlicht - Kinderwagen. Hinterm Steuer: Mütter. Gefährliche Mütter. (In zahlenmäßig geringeren Fällen auch Väter, diese Personengruppe soll jedoch vorerst ausgespart werden.)

Kinderwagen sind eine schreckliche Erfindung. Natürlich: Man muss den sabbernden Nachwuchs nicht ständig mit sich herum tragen und kann selbst Möbeleinkäufe problemlos ohne PKW erledigen. All das sei unbestritten. Allerdings werden die Fahrerinnen, die Mütter also, sobald die Hand am Steuer ist, zu Monstern.

Mütter mit Kinderwagen sind vergleichbar mit Mercedes-Fahrern: Beide Personengruppen sind der festen Überzeugung, sich mit der Anschaffung ihres Vehikels ein naturgegebenes Vorfahrtsrecht erkauft zu haben. Wie Mercedes-Fahrer, die noch nie von der Existenz einer Rechts-vor-links-Regelung gehört haben, kennen Mütter am Steuer keine Gnade. Ob an Ampelübergängen, im Fahrstuhl oder im Bus: Kinderwagenmütter haben Vorfahrt, glauben sie.

Fahrradfahrer werden ohne zu zögern aus dem Niederflurbus geworfen, sobald eine Mutter ihr Nachwuchsbeförderungsschiff auf die Freifläche zwischen den Sitzreihen zunavigiert. Wer es wagt, als ahnungsloser Busnutzer dort Halt suchend stehen zu bleiben, erntet Blicke, von denen der Teufel persönlich noch lernen könnte.

Augenblicklich hat die Kinderwagenfahrerin den blockierenden Busnutzer als Erbfeind ausgemacht. Gegenwehr hilft nicht. Wagt man es, nicht sofort zur Seite zu springen, wenn der überdimensionierte Offroad-Kinderwagen platziert werden soll, ist man augenblicklich zum respektlosen Kinderfeind abgestempelt.

Auch in Fußgängerzonen genießen Kinderwagenmütter enorme Vorzüge: Sie müssen nicht ausweichen, wenn Passanten ihren Weg kreuzen - gerade so als ob ihr Wagen nach Werkseinstellung nur geradeaus fahren könnte. Fahrradfahrer sind darüber hinaus nicht nur in Bussen die natürlichen Erbfeinde von Kinderwagenmüttern. Sie sind menschenverachtende Fieslinge, die nur das eigenen Vorwärtskommen im Sinn haben.

Wie aber erklärt sich diese Einstellung der Kinderwagenmütter? Ganz einfach: Bisher gehen wir in unserer Gesellschaft davon aus, dass unser Nachwuchs bestmöglichst behütet werden sollte. Selbst die hässlichsten Kinder mit den hässlichsten Eltern genießen die Vorzüge dieser unausgesprochenen Vereinbarung. Nachwuchsproduzenten muss Respekt gezollt werden, sie sorgen schließlich dafür, dass auch in Zukunft noch jemand unsere Rente verdienen kann.

Warum aber, so wurde bisher nie gefragt, geht man davon aus, dass jeglicher Nachwuchs gleich zu behandeln ist? Was ist mit den Müttern, die - auch wenn sie es nicht wissen - die Verbrecher, Unterdrücker, Mörder und Finanzbeamten von morgen aufziehen? Sollten die auch Vorfahrt haben? Sollten wegen diesen Kindern junge Fahrradfahrer aus Bussen geworfen werden, die vielleicht in wenigen Jahren schon Nobelpreisträger sind?

Natürlich nicht. Das sollten wir überdenken. Und die Todesstrafe für Kinderwagenhersteller einführen, die statt einfacher Transportvehikel Monstren produzieren, mit denen Millionen von Müttern täglich ganze Haushalte durch unsere Innenstädte transportieren.

 

 

Gegen sie verblasst jeder Panzer: Kinderwägen.
Massive Bauweise, Geländewagenräder, Werkseinstellung Geradeausfahren: So sehen die moderenen Kiwas aus.


Autor Peer Schader hat auch schon Kinderwägen geschoben, sich dabei aber selten wie ein kleiner Gott gefühlt.


   
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