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Blaubeermuffins
Es ist Mittwoch. Tag der Sonderangebote bei Aldi. Ich stehe vor der Eingangstür. Es ist 8.29 Uhr. In genau einer Minute werden sich die Türen zum Paradies öffnen. Meine Handflächen sind schweißnass. Der Einkaufszettel schon angeschwitzt.

Rechts und links von mir drängeln sich keifende Hausfrauen. Sie schubsen und drücken gegen die Türen. "Heute gibt's Kopftücher, hammse das geseh'n Frau Schwalmbecker?", meint eine von ihnen zu ihrer Nachbarin. Die Angesprochene reagiert nicht auf die Worte. Konzentriert starrt sie auf die Tür. Da! Sie geht auf.

Kreischend überrennt die erst Welle die arme Kassiererin, die die Aufgabe hatte, zu öffnen. Ihre Kolleginnen stehen fassungslos daneben, unfähig ihr zu helfen. Ihre Todesschreie gehen im allgemeinen Kaufrausch unter. Ich bewege mich mit der Masse, schwimme wie ein Fisch darin, lasse mich nicht unterkriegen. Ein Ellbogen trifft meine Rippen vor dem Blaubeerregal. Ich ächze - kann aber noch atmen. Weiter geht es.

Vor mir baut sich eine Einkaufswagenkolonne auf. Schwere Geschütze, denke ich und zucke auch schon, als der erste Wagen in meine Hacken einschlägt. Ich habe die Rückendeckung vernachlässigt, zuckt es mir durch den Kopf. Ein zweiter Rempler trifft mich am Gesäß. "Könnse nich aufpassen?", herrscht mich die Fahrerin des hoffnungslos überladenen Gefährts an.

Ich murmele eine knappe Entschuldigung und versuche zu entkommen, doch das Standgericht ist schon einberufen, meine Exekution beschlossen. "Die Jugend von heute kann sich nicht mehr benehmen!", keift die Remplerin. "Genau, genau, Frau Schwalmbecker! Zu meiner Zeit..." Ich flüchte. Taumle benommen an Obst und Gemüse vorbei; kann gerade noch Zucker und Mehl zu fassen bekommen. Da fällt es mir siedendheiß ein: Orangensaft.

Mein Blick schweift zum Horizont des Schlachtfeldes. Ich bin der Kasse schon ganz nahe. Zwischen mir und den aufgerissenen Orangensaftkästen liegen mindestens 10 Meter Fußweg, gespickt mit grell geschminkten Hausfrauen-Heckenschützen. Ich atme tief durch und sprinte los. Ich weiche aus, springe hier und da zur Seite, und glaube schon fast es zu schaffen, als mich die männliche Stimme wie ein Donnerschlag trifft: "Sie laufen gegen die Richtung!"

Der Mann hält mich fest. Er hält mich fest! Ich bin gefangen und blicke in die Augen des Rentners. Ich weiss, dass ich seine Lebensaufgabe bin. Ich, der Irrläufer... Ich versuche mich wortlos loszumachen, der Orangensaft ist in greifbarer Näher, doch seine Hand gleicht einem Schraubstock. "Sie müssen immer mit dem Strom laufen, sonst behindern sie alle!", knurrt er mich besserwisserisch an.

Ich öffne den Mund, um ihm alle Schimpfwörter der Welt entgegenzuschleudern, doch da hat er mich in einem Anfall von Großmut begnadigt, wie es scheint - vielleicht ist auch nur die blaue Heckenschere interessanter gewesen, die er nun ausführlich mustert.

Ich schnappe mir den Orangensaft und schlage mich zur Kasse durch. Ich sehe der Kassiererin in die Augen. Ich bewundere sie. Selten habe ich eine so starke Frau gesehen. Abgebrüht zieht sie Waren über das Band und weist die Kunden zurecht. Sie ist die wahre Herrscherin in diesem Lande.

Ich bezahle und gehe nach draussen. Frische Luft, kein Blut- und Verwesungsgeruch mehr. Ich amte durch und trage meine Beute zum Auto. Jetzt kann mich nichts mehr Schrecken. Die Blaurbeermuffins können nur noch gelingen an diesem Tag.

 

 

Leckerleckerleckerleckerleckerlecker...
Der Weg zum Muffin ist kein einfacher. Nicht, wenn man die Zutaten günstig einkaufen will.

Super: Das Rezept zum Text


Autor Thomas Riedel ist Muffinfreund, hat allerdings eine akute Bäckerallergie und muss sich seine Lieblingsküchlein daher immer selbst herstellen.


   
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