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Tagesschau-Junkie Tagesschau, das bedeutet für mich rituelle 15 Minuten voller Nahostkonflikte, Finanzaffären, Naturkatastrophen, Rentenreformen, Geiselnahmen, Präsidentenwahlen und Flugzeugabstürze sowie gegebenenfalls das übertriebene Make-up oder die hässliche Krawatte der Sprecherin oder des Sprechers. Tagesschau-Junkies haben es einfacher als andere Quasi-Süchtige, die Erfüllung ihrer Sucht in ihren Tagesablauf einzubauen, denn die Programmgestaltung des Fernsehsenders gibt ihnen feste Vorgaben. Hier bestehen durchaus Parallelen zu "Marienhof"-, "Verbotene Liebe"-, "Gute Zeiten schlechte Zeiten" oder "Big Brother"-Anhängern. Von diesen grenzen sich Tagesschau-Junkies allerdings in der Regel strikt ab. Ihnen geht es angeblich um Information; das ist natürlich Selbsttäuschung, denn wer wirklich informiert sein wollte, würde sich nicht diese oberflächliche 15-Minuten-Häppchenaneinanderreihung antun, sondern am nächsten Tag eine ernstzunehmende Tageszeitung lesen. Es geht um die herrliche Illusion, ohne großen Aufwand Bescheid zu wissen, sich als verantwortlicher Staatsbürger und Privatmensch fühlen und geben zu dürfen. Nach der Sendung kann der durchschnittliche Tagesschau-Betrachter wohl nur mit Mühe fünf der gezeigten Themen nennen - aber das ist egal, man hat Einsatz gezeigt. 20.15 Uhr. Diese Uhrzeit steht wie ein Fels in der Brandung der deutschen Unterhaltungsindustrie, als Nabel- und Scheidepunkt zwischen Vorabend und Abend, Tagesschau sei Dank. Als Tagesschau-Junkie ist man stolz auf diese einzigartige Errungenschaft seiner Sendung, und man ruft sie sich gerne in Erinnerung, wenn man seine Sammlung von Autogrammkarten der Tagesschau-Sprecher durchblättert. Leider gibt es immer noch Menschen, die es wagen, einen Tagesschau-Junkie während seines 15-Minuten-Rausches anzurufen. Kürzlich klingelte bei mir um 20.08 Uhr das Telefon, und ein mir Unbekannter nuschelte etwas von Selbstmordgedanken und Hochhaus am anderen Ende der Leitung. Ohne zu zögern warf ich diesem rücksichtslosen Zeitgenossen ein berechtigtes "Arschloch!" an den Kopf und legte auf. Am nächsten Abend konnte ich in der Tagesschau erfahren, dass sich ein Mann am vorigen Abend vom Main-Tower der Commerzbank in Frankfurt gestürzt hatte. Künftig werde ich das Telefon während der Tagesschau ausschalten.
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Seit
@zend!-Autor Sebastian Wolf während
seiner Lieblingssendung das Telefon ausgestöpselt hat, nehmen die
Selbstmorde im Raum Frankfurt drastisch zu. |
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@zend!-Redaktion 2001
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