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Selbstkritik,
konformistische Galle
Heute war wieder so ein Tag an dem ich mir wünschte Anfang der 70er Student gewesen zu sein. Irgendwie kam mir die konformistische Galle hoch. Wieso genau weiß ich eigentlich nicht. Vielleicht lag es an den neuen H&M Plakaten an der Bushaltestelle mit einer dümmlichst grinsenden Claudia Schiffer (wenn sie's denn war), vielleicht lag es auch nur daran, dass ich mich dabei ertappte, wie ich mich vor der Essensausgabe in eine irre lange Schlange von Studenten brav einreihte, ohne auch nur zu wissen was es denn dort zu essen gab.

Es gab "Hawaischnitzel". Kein Gaumengenuss, aber passabel. Ich blickte mich um und sah sie alle um mich herum stehen, sitzen, tratschen, essen. Alle in ihren H&M-Klamotten. Gleichgeschaltet in schwarzen Mänteln, Pullovern und Baggypants. Der Normalstudent eben. Achja, der Tisch dort hinten war von Pädagogen besetzt. Alle etwas alternativ gekleidet, aber die Art alternativer Kleidung, die man für teures Geld im Reformhaus kauft. Auch gleichgeschaltet, nichts weiter.

Während ich mit meinen nahrhaften Speisezusätzen durch die Reihen schreite, auf der Suche nach einem freien Platz, da höre ich ihre Gesprächsfetzen an mein Ohr dringen: "... Ebru hat ja so geheult gestern bei Big Brother..." oder "... dieser kleine Joseph - nein wie konnten sie nur..." oder auch "... Mallorca soll ja sehr schön sein im Winter..."

Ich setze mich still an meinen Tisch und koche innerlich vor Wut. Vor Wut über diese Studenten, die plappernd und Unsinn redend an den Tischen gegenüber sitzen, und vor Wut über mich, der gerade auch einen schwarzen Mantel ausgezogen und über einen freien Stuhl gelegt hat.

Wo ist das Interesse für Politik oder wenigstens das Interesse für irgendwas, dass nichts mit Geldmachen und Spasshaben zu tun hat, geblieben, frage ich mich. Ratlos stochere ich in meinem annasgeschmückten Wohlstandsschnitzel herum. Der Appetit ist mir vergangen. Die große Zeit der Studenten scheinbar auch.

 

 

Autor Thomas Riedel isst auch mal Hawaii-Schnitzel, wenn es nichts anderes gibt, und zieht stets die ganze Redaktion mit in seine depressiven Tiefs.


 

   
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