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Wir sind alle Individuen -
ich auch?
Individualist zu sein ist nicht schwer, gaukelt uns die Werbung vor. Es gibt alles für den Individualisten. Von der Kleidung, über den passenden Urlaub, bis hin zum passenden Hobby. Alles ist käuflich. In den Schaufenstern liegen feingeschnürte Päckchen Individualität für Jedermann. Wie gut, dass man nicht mehr Nachdenken muss, welches Top zu welchem Rock paßt, bei H&M liegt ja alles was zusammenpassen könnte bereits nett nebeneinander.

Andere nehmen dem Konsumenten das Denken ab. Wie gut - das Hirn könnte ja sonst heißlaufen... Doch wehe, einer kommt plötzlich auf die Idee, er wolle, sagen wir eine dünne Kapuzenjacke in Bordeaux-Rot mit Reißverschluß erwerben. 30 Geschäfte, 29 mal die Antwort: "Bitte was wollen sie?"

Nur einmal stößt der individuelle Einkäufer auf eine Jacke die entfernt dem entspricht was er sucht. "Wieso Bordeaux-Rot?", fragt dann die Levis-Verkäuferin liebenswürdig und mit gekonntem Augenaufschlag. "Die Jacken gibt's nur in Blau, Grau und vielleicht Grün, wenn sie Glück haben." Wieso fragt der Kunde dann enttäuscht. "Weil das die Levis-Farben sind.", kommt die lapidare Antwort. Hach, hätt' der Kunde ja wissen müssen, oder?

Der Kunde will aber seine Farbe haben und für 129,- DM dürfte man doch auch ein Bordeaux-Rot erwarten, bohrt er weiter. "Ja das sieht bestimmt auch gut aus, sollte man Levis mal vorschlagen, hmmm?", antwortet die Verkäuferin. Ein Lächeln folgt, und es ist klar, dass die Welt für sie wieder heile ist. Für den Individualisten ist gar nichts heile. Gebeutelt geht er ohne Kapuzenjacke nach Hause, flucht auf die ganze Modediktatur und hofft inbrünstig innerlich trotz allem ein bißchen individuell zu sein.

 

 

Bereits in jungen Jahren übte sich @zend!-Autor Thomas Riedel in der Kapitalismus-Kritik. Heute trägt er orange farbene Hemden.


 

   
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